Pflegebereich unter Dauerdruck

27.10.2019

Personal- und Ressourcenmangel erfordern Effizienzsteigerungen und Qualitätssicherung durch verstärkte Personalentwicklung

MSc Laut Schätzungen des Bundes sind 20 Prozent der gesamten Bevölkerung in der Schweiz Menschen mit Behinderung. Dazu gehören per Definition jegliche psychischen oder physischen Beeinträchtigungen. 4,4 Prozent davon gelten als «stark eingeschränkt». Und die Bevölkerung wächst insgesamt weiter, mit höherer Lebenserwartung.

Fast alle Kantone unterliegen einem Spardiktat. Dies hat Auswirkungen auf den Pflegebereich. Innerhalb des Pflegebereichs verfügen die Institutionen für Menschen mit Behinderung über die geringere Lobby. Die öffentliche Diskussion wird vor allem vom Personalmangel in der Alterspflege beherrscht, wobei die Herausforderungen die gleichen sind.

Stehen in der Schweiz rund 1560 Alters- und Pflegeheime zur Verfügung sind es für Menschen mit Behinderung deren 500. Diese sind meistens von Stiftungen oder Vereinen geführt. Finanziert werden sie in der Regel auf der Grundlage von Leistungsvereinbarungen mit den Kantonen. Rund 4,5 Milliarden Franken machen die Betriebskosten der spezialisierten Institutionen im Jahr aus. Im Vergleich dazu betragen die Gesamtkosten von Pflegeheimen rund 10 Milliarden Franken. Unbestritten ist der gesellschaftliche Nutzen dieser Organisationen und Institutionen.

Leben in der Schweiz ca. 122 000 Personen dauerhaft in Alters- und Pflegeheimen, zählt der Bund etwas über 45 000 Klienten in Institutionen für Menschen mit Behinderung. Ein Drittel mehr als vor 10 Jahren, mit fortlaufendem Trend. Zur Betreuung und Pflege stehen rund 30 000 Vollzeitstellen zur Verfügung.

Der zunehmende Druck auf das Sozial- und Gesundheitswesen ist nicht nur hauptsächlich auf die demografische Entwicklung und die steigende Lebenserwartung zurückzuführen. Unbestritten sind der Fachkräftemangel, sowie ein Generationenwechsel in Fach- und Führungsfunktionen mit einer markanten Fluktuationsrate auf geschäftsleitender Ebene.

Zwischen Januar und Dezember 2019 wurden in der Deutschschweiz rund 325 Stellen für geschäfts- und betriebsleitende Funktionen im Sozial- und Gesundheitswesen ausgeschrieben, 22 Prozent durch Personalvermittler. Spitzenreiter sind die Alters-/Pflegeheime mit 91 ausgeschriebenen Stellen, gefolgt von den öffentlich-rechtlichen Organisationen mit 59 offenen Stellen. Institutionen mit Menschen mit Behinderung schrieben in diesem Zeitraum 32 Stellen, Spitex-Organisationen 29 Stellen und Spitäler 19 Stellen aus. Diese Ergebnisse implizieren starke Bewegungen auf geschäftsleitender Ebene.

Eine im Jahr 2018 erfolgte Befragung von über 2800 Personen aus dem Bereich Pflege und Betreuung durch die Gewerkschaft Unia ergab, dass 87 Prozent Personalmangel in ihren Institutionen orteten. Gleich viele bemängelten die zu knapp zur Verfügung stehende Zeit für die Pflege und Betreuung.

Eine Studie des Schweizerischen Observatoriums für Berufsbildung analysierte mit Hilfe einer Befragung von rund 150 ehemaligen Pflegenden die Gründe ihres Berufswechsels. Jede vierte Person betreute zuvor Menschen mit Behinderung. Im Fazit wurden alle berufsbedingten Ausstiegsgründen mit (zu) knappen Personal- und Zeitressourcen in Verbindung gebracht, mit hoher beruflicher Belastung und Überforderungen, die letztlich zu gesundheitlichen Problemen führen.

Eine Konsequenz davon bestätigt eine Unia-Umfrage bei 1194 Pflege-(Fach-)Personen aus der Langzeitpflege. 40 bis 50 Prozent der Befragten möchten ihren Beruf nicht bis zur Pensionierung ausüben, hauptsächlich aufgrund gesundheitlicher Probleme.

Durch die Ökonomisierung der Pflege-Tätigkeit sowie der Spezialisierungs-Tendenzen bezgl. Klienten, Personal und Infrastruktur gewinnen betriebswirtschaftliche Überlegungen in der Führung, Organisation, im Personalwesen, Marketing und im Bereich Finanzen noch mehr an Relevanz. Effizienz und Qualität haben einen immer höheren Stellenwert. Hinzu kommt ein fortlaufender Druck auf die Institutionen und Organisationen, sich permanent den sich ändernden gesellschaftlichen, technologischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen.

Fazit: Die Branche ist gezwungen, den Fokus verstärkt auf die Kundenorientierung, die Verbesserung von betrieblichen Abläufen und organisatorischen Strukturen sowie die Personal-Entwicklung zu richten, soweit sinnvoll auf der Basis der Digitalisierung von Prozessen und damit verbunden der intensiveren Nutzung von Daten. Die Effizienz der Organisationen kann durch fortgeschrittene betriebswirtschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen sowie den Einsatz digitaler Technologien gesteigert werden. Es liegt an den Institutionen zu entscheiden, ob und inwieweit sie diese Möglichkeiten zur Bewältigung der steigenden Anforderungen nutzen wollen oder müssen.

Quellennachweis

Bundesamt für Statistik, SonntagsZeitung (29.9.2019/R. Gamp), Unia, Schweizerisches Observatorium für die Berufsbildung